Tarot

Die 56 kleinen Arkana: der Alltag des Tarot

Dieser Leitfaden ist Teil der Reihe Tarot erklärt: 78 Karten, Geschichte und Lesart als Spiegel (Teil 3 von 7).

Die kleinen Arkana sind die 56 Tarotkarten, aufgeteilt auf vier Farben: Stäbe für den Schwung, Kelche für die Bindung, Schwerter für das Denken, Münzen für das Konkrete. Jede Farbe zählt zehn nummerierte Karten und vier Hofkarten. Während die 22 großen Arkana das Klima einer Legung geben, erzählen die kleinen den Alltag, und man liest sie ohne Auswendiglernen: Eine Zahl, gekreuzt mit einer Farbe, genügt, um den Sinn zu öffnen.

Von Jade Nohemia 7 Min. Lesezeit

Alle fangen mit den großen Arkana an. Sie haben die großen Namen, die großen Bilder, die großen Ängste. Dann öffnet man den Rest des Decks, stößt auf sechsundfünfzig Karten, vierzehn pro Farbe, und die Entmutigung kommt schnell: Wie soll man sich das alles merken? Die ehrliche Antwort: Man merkt sich das nicht alles. Man lernt es zu lesen, und das ist sehr etwas anderes.

Die 56 kleinen Arkana sind der Teil des Tarot, der einem gewöhnlichen Kartenspiel am ähnlichsten ist, und das nicht ohne Grund: Das Tarot des 15. Jahrhunderts entstand, indem man seine Trümpfe zu einem bereits existierenden Farbspiel hinzufügte. Vier Farben, von Ass bis Zehn nummerierte Karten, Hofkarten. Während die 22 großen Arkana das Klima einer Legung geben, ihr Kapitel, erzählen die kleinen das Terrain: den Alltag, die Anpassungen, den Stoff der Tage. Der vollständige Tarot-Leitfaden legt die Gesamtstruktur fest; hier lernen wir die Sprache der kleinen Arkana, und vor allem die Methode, die vom Auswendiglernen befreit.

Wofür stehen die vier Farben des Tarot?

Jede Farbe trägt eine Art zu sein, und die Tradition hat sie sehr früh mit den vier Elementen verbunden.

Die Stäbe sind das Feuer: der Schwung, der Wille zu handeln, die Arbeit, die wärmt, die Kreativität, die juckt. Wenn Stäbe eine Legung dominieren, sprechen sie von Projekten, von Energie, von Verlangen, manchmal von Ungeduld: Etwas will brennen, es bleibt zu klären, was zu nähren ist.

Die Kelche sind das Wasser: die Bindung, das Gefühl, was zwischen Menschen zirkuliert und was überströmt. Ein Tisch voller Kelche spricht von Liebe, von Freundschaft, von Nostalgie, von dem, was das Herz zurückhält oder gehen lässt.

Die Schwerter sind die Luft: das Denken, das Wort, die Entscheidung, und damit auch der Konflikt, denn mit Gedanken und Worten verletzt man sich am präzisesten. Die Schwerter sagen, was sich im Kopf abspielt: die zu erobernde Klarheit, das abzulegende Grübeln.

Die Münzen sind die Erde: das Konkrete, der Körper, das Geld, die lange Zeit, das, was Stein für Stein aufgebaut wird. Die Münzen führen immer zur einfachsten Frage zurück: Was existiert wirklich, hier, im Stoff deines Lebens?

Vier Farben, und schon ein Kompass. Noch bevor man auch nur eine einzige Karte kennt, zu wissen, dass sich eine Liebesfrage an den Kelchen erhellt und dass ein berufliches Knäuel sich zwischen Stäben und Münzen abspielt, bedeutet bereits, ein Viertel der Lesung in der Hand zu halten.

Die Skala der Zahlen, vom Ass bis zur Zehn

Die zweite Hälfte des Kompasses sind die Zahlen. Vom Ass bis zur Zehn durchläuft jede Farbe dieselbe Kurve, die jede Schule anders nuanciert, die aber alle in ihren groben Zügen wiedererkennen.

Das Ass ist die Farbe im Reinzustand: die rohe Gabe, der Keim. Die Zwei begegnet: der andere erscheint, das Gleichgewicht sucht sich. Die Drei bringt ihre erste Frucht hervor: was nur Absicht war, nimmt Form an. Die Vier stabilisiert, manchmal bis zur Unbeweglichkeit. Die Fünf bringt die Krise: die Mitte des Weges, das Unbehagen, das zur Bewegung zwingt. Die Sechs stellt den Austausch wieder her, die wiedergefundene Schönheit der Mitte. Die Sieben bewertet und wählt: die klare Anstrengung. Die Acht organisiert neu, bringt Handwerk und Struktur. Die Neun nähert sich der Fülle, mit dem, was diese manchmal an Übermaß hat. Die Zehn vollendet, und jede Vollendung kippt: das Ende eines Zyklus enthält bereits das Ass des nächsten.

Zehn Stufen, vier Treppen: das sind die vierzig nummerierten Karten. Nicht vierzig isolierte Bedeutungen, sondern eine einzige Kurve, dekliniert in vier Materien.

Du kannst es überprüfen, indem du die vier Fünfen nebeneinanderlegst. Fünf der Stäbe: die Krise des Schwungs, die Rivalität, die Energie, die sich in Scharmützeln verzettelt. Fünf der Kelche: die Krise der Bindung, die Trauer, der Blick, der von dem angezogen wird, was gefallen ist. Fünf der Schwerter: die Krise des Denkens, der bittere Sieg, das Wort zu viel. Fünf der Münzen: die Krise des Konkreten, die Kälte eines Moments im Freien, der Mangel an etwas Wesentlichem. Vier Karten, eine einzige Zahl, und schon die ganze Logik des Systems vor Augen.

Die Hofkarten: sechzehn Figuren

Es bleiben die sechzehn Figuren: Bube, Ritter, Königin und König jeder Farbe (page, knight, queen und king im Rider-Waite-Smith). Die einfachste Art, sich ihnen zu nähern, besteht darin, sie als Reifegrade der Energie der Farbe zu betrachten. Der Bube lernt: Er entdeckt das Element, hantiert damit mit Neugier und etwas Ungeschicklichkeit, bringt oft eine Botschaft oder einen Anfang. Der Ritter bricht auf, um etwas zu suchen: die Energie in Bewegung, manchmal zu schnell. Die Königin bewohnt das Element von innen: die innige Meisterschaft, der ruhige Magnetismus. Der König regiert es nach außen: die Verantwortung, die Entscheidung, die andere einbezieht.

Mary K. Greer schlägt in Tarot for Your Self (1984) eine Lesart vor, die die Praxis vieler Menschen verändert hat: Die Figuren sind nicht nur Personen aus deinem Umfeld, sie sind auch Rollen, die du selbst spielst. Eine Königin der Kelche in deiner Legung kann eine Person des Wassers bezeichnen, die dir wichtig ist, aber ebenso oft, und oft treffender, den Teil von dir, der aufnimmt und fühlt. Die Frage, die man sich vor einer Figur stellen sollte: Ist das jemand, oder bin ich es in diesem Kostüm?

Wie liest man eine kleine Arkana ohne Auswendiglernen?

Und hier ist der Schlüssel, der vom Auswendiglernen befreit. Eine kleine Karte ist eine Zahl, gekreuzt mit einer Farbe. Nichts weiter, und das ist bereits enorm.

Nimm die Fünf der Kelche: fünf, die Krise, die unbequeme Mitte; Kelche, die Bindung, das Gefühl. Kreuze: eine Krise der Bindung, eine Trauer, eine Enttäuschung, etwas des Herzens, das darum bittet, angeschaut zu werden. Du hast nichts auswendig gelernt, du hast argumentiert. Öffne jetzt ein Rider-Waite-Smith: Die Szene zeigt eine trauernde Figur, schwarz drapiert, vor drei umgestürzten Kelchen, und zwei Kelche noch aufrecht hinter ihr, die sie nicht sieht. Das Bild bestätigt die Überlegung und fügt ihr seine Nuance hinzu: Im Verlust bleibt etwas aufrecht stehen, vorausgesetzt man dreht sich um.

Ein weiteres Beispiel, die Drei der Stäbe: drei, die erste Frucht; Stäbe, der Schwung, das Projekt. Ein Projekt, das die Phase der Absichten überwindet, eine Schöpfung, die im Realen Fuß fasst. Waite lässt einen Mann von hinten zeichnen, aufrecht auf einer Anhöhe stehend, der seine Schiffe hinaus aufs Meer blicken sieht: Der Schwung hat den Hafen verlassen, er segelt.

Das ist die Methode, die ich dir zu installieren rate: Vor jeder kleinen Karte benenne die Farbe, benenne die Zahl, formuliere einen Satz mit deinen eigenen Worten. Das Marseille-Deck, das seine kleinen Arkana nicht mit Szenen illustriert, zwingt dich zu dieser Gymnastik, und darin liegt seine Stärke; das Rider-Waite-Smith reicht dir zusätzlich das Bild, und darin liegt seine. Greer empfiehlt übrigens, mit deinen eigenen Assoziationen zu beginnen, bevor du ein Buch öffnest: Die Karte, die du durchdacht und gefühlt hast, gehört dir anders als jene, die du nur rezitiert hättest.

Große und kleine Arkana arbeiten zusammen

Ein letztes Wort, um die 56 an ihren richtigen Platz zu setzen, der weder über noch unter den großen Arkana liegt: daneben. In einer Legung geben die großen Arkana das Kapitel, die kleinen geben die Szene. Eine namenlose Arkane, umgeben von Münzen, spricht von einer konkreten, materiellen Häutung: einem Umzug, einem Vertragsende, einem sich ändernden Lebensrhythmus. Dieselbe Arkane, umgeben von Kelchen, verschiebt die Häutung auf die Seite des Herzens. Ohne die kleinen Arkana schweben die großen; ohne die großen verzetteln sich die kleinen.

Fang klein an: Ziehe drei kleine Arkana, nur sie, und erzähl die Szene. Die Farbe sagt dir die Materie, die Zahl sagt dir den Moment der Kurve, und du selbst findest die Worte. So wird der Alltag des Tarot lesbar: nicht indem man sechsundfünfzig Definitionen lernt, sondern indem man lernt, zwei Fäden zu kreuzen.

Häufige Fragen

Was sind die kleinen Arkana im Tarot?
Die kleinen Arkana sind die 56 Tarotkarten, die einem gewöhnlichen Kartenspiel ähneln: vier Farben zu je vierzehn Karten, zehn nummerierte Karten von Ass bis Zehn plus vier Hofkarten (Bube, Ritter, Königin, König). Sie stehen den 22 großen Arkana gegenüber, die die großen Kapitel einer Legung geben, während die kleinen Arkana den Alltag erzählen: die konkreten Szenen, die Anpassungen, den Stoff der Tage. Das Tarot des 15. Jahrhunderts entstand, indem seine Trümpfe zu einem bereits existierenden Farbspiel hinzugefügt wurden, daher diese Verwandtschaft mit dem gewöhnlichen Kartenspiel.
Wofür stehen die vier Farben des Tarot?
Jede Farbe trägt ein Element und ein Temperament. Die Stäbe sind das Feuer: Schwung, Wille zu handeln, Kreativität. Die Kelche sind das Wasser: Bindung, Gefühl, das, was zwischen Menschen zirkuliert. Die Schwerter sind die Luft: Denken, Wort, Entscheidung, und damit auch Konflikt. Die Münzen sind die Erde: das Konkrete, der Körper, das Geld, das, was Stein für Stein aufgebaut wird. Diese vier Farben bilden schon einen Kompass: zu wissen, dass sich eine Liebesfrage an den Kelchen erhellt, bedeutet bereits, ein Viertel der Lesung in der Hand zu halten.
Wie liest man eine kleine Arkana ohne Auswendiglernen?
Der Schlüssel besteht darin, Zahl und Farbe zu kreuzen. Eine kleine Karte ist eine Zahl, die eine bestimmte Stufe einer Kurve beschreibt (das Ass als Keim, die Fünf als Krise, die Zehn als Vollendung), gekreuzt mit einer Farbe, die ein Element benennt. Nimm die Fünf der Kelche: fünf, die Krise, die unbequeme Mitte; Kelche, die Bindung, das Gefühl. Gekreuzt ergibt das eine Krise der Bindung, eine Enttäuschung, etwas des Herzens, das angeschaut werden will. Man muss nichts auswendig lernen, man argumentiert mit diesen zwei Fäden, und das Bild des Rider-Waite-Smith bestätigt anschließend die Überlegung.
Was bedeuten die Hofkarten im Tarot?
Die sechzehn Hofkarten, Bube, Ritter, Königin und König jeder Farbe, lassen sich als Reifegrade der Energie ihrer Farbe lesen. Der Bube entdeckt das Element mit Neugier und bringt oft eine Botschaft oder einen Anfang. Der Ritter bricht auf, um etwas zu suchen, manchmal zu schnell. Die Königin bewohnt das Element von innen, mit ruhigem Magnetismus. Der König regiert es nach außen, mit Verantwortung und Entscheidung. Mary K. Greer schlägt vor, diese Figuren nicht nur als Personen aus dem Umfeld zu lesen, sondern auch als Rollen, die man selbst gerade spielt.

Quellen

  • Arthur Edward Waite, The Pictorial Key to the Tarot (London, William Rider & Son, 1911)
  • Mary K. Greer, Tarot for Your Self: A Workbook for Personal Transformation (North Hollywood, Newcastle Publishing, 1984)