Tarot

Die 22 großen Arkana: die große Erzählung des Tarot

Dieser Leitfaden ist Teil der Reihe Tarot erklärt: 78 Karten, Geschichte und Lesart als Spiegel (Teil 2 von 7).

Die großen Arkana sind die 22 Hauptkarten des Tarot, von I bis XXI nummeriert, plus Der Narr, der ohne Nummer wandert. Vom Magier, der seine Werkzeuge auf den Tisch legt, bis zur Welt, die in ihrem Laubkranz tanzt, entfalten sie eine einzige Erzählung: die eines Lebens, das lernt, durchquert, sich verwandelt. In einer Legung signalisiert eine große Arkane ein grundlegendes Thema, während die 56 kleinen den Alltag beschreiben.

Von Jade Nohemia 8 Min. Lesezeit

Lege die 22 großen Arkana der Reihe nach auf einen Tisch, vom Magier bis zur Welt, mit dem Narren, der daneben wandert. Tritt einen Schritt zurück. Etwas zeichnet sich ab, was die einzeln betrachteten Karten nicht zeigten: Eine Figur macht sich auf den Weg, lernt von den Gestalten, die sie umgeben, erringt einen ersten Sieg, fällt, durchquert die Nacht, findet den Tag wieder. Die großen Arkana sind kein Katalog von 22 auswendig zu lernenden Symbolen. Sie bilden eine Abfolge, und diese Abfolge erzählt.

Das ist die sanfteste Art, sie zu lernen, und auch die treueste. Alejandro Jodorowsky und Marianne Costa ordnen in Der Weg des Tarot die Arkana in zwei Reihen zu zehn, gerahmt vom Narren und der Welt: zwei Stockwerke desselben Hauses, vom Irdischen zum Himmlischen. Arthur Edward Waite beschreibt sie in The Pictorial Key to the Tarot (1911) einzeln als die Etappen einer inneren Suche. Zwei Schulen, zwei Decks, eine gemeinsame Intuition: Die großen Arkana lesen sich wie die Kapitel einer einzigen Erzählung. Und wenn du Tarot gerade erst entdeckst, legt der vollständige Leitfaden zunächst den Rahmen fest: woher die Karten kommen, wie sich das Deck strukturiert, und warum eine Legung ein Spiegel ist, niemals ein Urteil.

Ein Wort zu den Namen, bevor wir eintauchen. Die folgenden sind die des Tarot de Marseille. Das Rider-Waite-Smith nennt Die Päpstin die Hohepriesterin, und gibt der Arkane XIII, die das Marseille-Deck bewusst ohne Titel lässt, einen Namen (Death, also der Tod). Der Turm heißt in beiden Traditionen gleich. Beide Traditionen tauschen auch Die Gerechtigkeit und Die Kraft, achte und elfte je nach Deck. Der Kern der Erzählung bleibt jedoch unverändert.

Der Aufbruch: Der Narr und Der Magier

Die Erzählung beginnt mit einer Karte ohne Nummer. Der Narr wandert, ein Bündel über der Schulter, in Gauklerkleidung, ein Tier an seinem Bein hängend, das ihn drängt oder zurückhält, man weiß es nicht genau. Keine Nummer, also kein fester Platz: Er kann sich überall in die Abfolge einschleichen. Er ist der Schwung im Reinzustand, die Energie vor den Formen, jener, der aufbricht, ohne zu wissen wohin. Immer wenn ein Kapitel sich schließt, ist er es, der wieder aufbricht.

Der Magier (I)

Dann nimmt die Erzählung Gestalt an. Ein junger Mann steht hinter einem Tisch, und auf diesem Tisch ist alles vorhanden: ein Kelch, ein Schwert, Münzen, und in seiner erhobenen Hand ein Stab. Die vier Farben des Spiels, dort abgelegt wie Werkzeuge, die warten. Der Magier ist der Anfang, der alles im Keim und nichts Vollendetes hat: die geöffnete Werkstatt, die erste Geste. Im Rider-Waite-Smith trägt der Magier über dem Kopf das Unendlichkeitszeichen, und Waite liest darin den Willen, der den Himmel mit dem Arbeitstisch verbindet. Jodorowsky und Costa sehen darin das Potenzial des Anfängers: alles ist noch möglich, nichts ist noch entschieden. Fällt diese Karte in einer Legung, schau, was bei dir gerade beginnt: was auf deinem Tisch liegt und was du dich noch nicht getraut hast zu ergreifen.

Das Lernen: von Der Päpstin bis Der Wagen

Der junge Mann am Tisch weiß noch nicht, was er mit seinen Werkzeugen anfangen soll. Die Karten II bis VII werden ihn erziehen, und es sind fast alles Figuren: eine symbolische Familie, die um den Heranwachsenden herum sitzt.

Die Päpstin (II)

Die erste Lehrerin ist eine sitzende Frau, ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien, ein gespannter Schleier hinter ihr. Die Päpstin spricht nicht: Sie weiß. Sie ist das Wissen, das im Schweigen reift, das Studium, die Reifung, das, was sich vor Blicken geschützt vorbereitet. Im Rider-Waite-Smith steht die Hohepriesterin zwischen zwei Säulen, eine halb verhüllte Schriftrolle in den Händen, und Waite besteht auf dieser halben Geste: das Buch, gezeigt und zugleich zurückgehalten, das Wissen, das sich nur jenem hingibt, der sich Zeit nimmt. Nach dem Schwung des Magiers verlangt die Erzählung also eine Pause. Vor dem Handeln lernen; vor dem Zeigen reifen lassen. Wenn Die Päpstin deine Legung durchquert, schreibt sich gerade etwas in dir und muss nicht angekündigt werden.

Es folgen Die Kaiserin (III), die Kreativität, die hervorbricht und überströmt; Der Kaiser (IV), die errungene Stabilität, der Rahmen, der hält; Der Hierophant (V), die Weitergabe, die Brücke zwischen jenen, die wissen, und jenen, die suchen; Die Liebenden (VI), die erste wirkliche Wahl, jene, die niemand für dich treffen kann; und Der Wagen (VII), der erste Sieg in der Welt, der Schwung, der seine Richtung gefunden hat. Ende der ersten Bewegung: die Figur ist ausgerüstet, erzogen, in Fahrt gebracht.

Die Wende: von Die Gerechtigkeit bis Mäßigkeit

Der zweite Teil der Erzählung ist innerlicher, und er verleiht dem Tarot seine Tiefe. Die Gerechtigkeit (VIII) wägt und entscheidet: was genau ist, was zurückgegeben werden muss. Der Eremit (IX) nimmt seine Laterne und tritt zur Seite, aus der eroberten Welt heraus. Das Rad des Schicksals (X) erinnert daran, dass sich alles dreht, steigt und fällt, ohne um Erlaubnis zu fragen. Die Kraft (XI) zähmt das Tier, statt es zu bekämpfen: der sanfte Mut. Der Gehängte (XII) hängt kopfüber und entdeckt, dass die Welt, umgekehrt betrachtet, etwas anderes sagt: die fruchtbare Wartezeit, das freiwillige Loslassen.

Die namenlose Arkane (XIII)

Und dann kommt die Karte, die jeder fürchtet, die man mit einem kleinen Stich umdreht, selbst wenn man sie kennt. Ein Skelett mäht, auf einem dunklen Boden, aus dem Köpfe und Hände auftauchen. Das Marseille-Deck hat ihr keinen Namen gegeben, und dieses Schweigen ist selbst eine Deutung: Was dort geschieht, hat kein Wort, es ist ein Übergang. Schau auf den Boden der Karte: Er ist nicht leer, er keimt. Die Arkane XIII mäht, damit der Platz frei wird, und die gesamte Tradition liest sie so: ein notwendiges Ende, eine Häutung, eine zu klein gewordene Haut, die abgelegt werden muss. Jodorowsky und Costa sprechen von tiefgreifender Verwandlung, von großer Reinigung. Fällt diese Karte in deiner Legung, lautet die Frage nicht “Was werde ich verlieren?”, sondern “Was in mir verlangt danach, zu enden, damit das Weitere atmen kann?”. Die Mäßigkeit (XIV), gleich danach, bestätigt es: ein Engel gießt Wasser von einem Gefäß in das andere, der Rhythmus kehrt zurück, die Mischung beruhigt sich. Nach dem Schnitt, die Zirkulation.

Was bedeuten Der Teufel, Der Turm und Der Mond zusammen?

Die Erzählung könnte hier beruhigt enden. Stattdessen taucht sie in ihre kraftvollsten Bilder ein. Der Teufel (XV) zeigt, was an der Leine hält: die Bindungen, die Abhängigkeiten, die Verträge, die man unterschrieben hat, ohne sie nochmal zu lesen. Der Turm (XVI) öffnet sich mit einem Blitz: der Zusammenbruch dessen, was zu eng geworden war, und die Figuren, die daraus fallen, scheinen weniger zu stürzen als zu springen. Der Stern (XVII) kommt nackt, kniend am Wasser, und gießt ihre Krüge aus, ohne etwas zurückzuhalten: die wiedergefundene Richtigkeit, die schlichte Hoffnung. Der Mond (XVIII) schließt die Durchquerung mit der tiefsten Nacht des Spiels: zwei ferne Türme, ein unsicherer Weg, aufgewühlte Gewässer. Es ist das Kapitel der alten Ängste, jener, die sich nicht bei Tageslicht regeln lassen.

Die Vollendung: von Die Sonne bis Die Welt

Die Sonne (XIX) geht über zwei Kindern auf: die wiedergefundene Klarheit, die geteilte Wärme, das, was sich nicht mehr verstecken muss. Das Gericht (XX) lässt den Ruf erklingen: etwas, das man für begraben hielt, erwacht und richtet sich auf.

Die Welt (XXI)

Und die Erzählung endet im Tanz. Im Zentrum eines Laubkranzes tanzt eine Figur, ein Schleier um den Körper; an den vier Ecken wachen vier Gestalten: der Engel, der Adler, der Stier, der Löwe. Vier Wächter für vier Richtungen, die die vier Farben des Spiels widerspiegeln: alles, was verstreut war, ist versammelt. Die Welt ist die Vollendung: nicht das Ende, das schließt, sondern die Fülle, die einen Zyklus krönt. Waite liest darin den Zustand der Seele im Bewusstsein der göttlichen Vision; Jodorowsky und Costa, nüchterner, die vollständige Verwirklichung. Und wenn du genau auf den Tisch schaust, auf dem du deine Karten ausgelegt hast, ist Der Narr immer noch da, ohne Nummer, bereit, wieder aufzubrechen: Jede Welt eröffnet einen neuen Anfang. Der Kreis ist kein geschlossener Ring, er ist eine Spirale.

Was bedeutet eine große Arkane in einer Legung?

Was tut man praktisch mit all dem? Zunächst behalten, dass eine große Arkane, wenn sie fällt, das Klima gibt und nicht das Detail: Sie sagt, in welchem Kapitel der Erzählung sich deine Situation befindet. Eine mit großen Arkana gesättigte Legung erzählt von einem bedeutsamen Moment, einer Wende; eine Legung, in der sie selten sind, spricht von gewöhnlichen Anpassungen, und dann sind es die kleinen Arkana, die den Sinn tragen. Behalte weiter, dass der Platz in der Erzählung die Karte beleuchtet: Der Gehängte ist keine Strafe, wenn man sich erinnert, dass er der großen Häutung der Arkane XIII vorausgeht; Der Turm erschreckt weniger, wenn man sieht, dass Der Stern gleich danach wartet.

Die schönste Übung bleibt die einfachste: Nimm dein Deck, isoliere die 22 großen Arkana, und breite sie aus, während du dir die Geschichte laut vorsagst, mit deinen eigenen Worten. Wo deine Erzählung stockt, fehlt dir noch eine Karte: die musst du dir zur Gewohnheit machen. Und an dem Tag, an dem eine große Arkane in einer Legung fällt, wirst du nicht mehr nach ihrer Definition suchen: Du wirst wissen, wo du in der Erzählung stehst.

Häufige Fragen

Was sind die 22 großen Arkana des Tarot?
Die großen Arkana sind die 22 Hauptkarten des Tarot, von I bis XXI nummeriert, plus Der Narr, der ohne Nummer wandert. Vom Magier, der seine Werkzeuge auf den Tisch legt, bis zur Welt, die in ihrem Laubkranz tanzt, entfalten sie eine einzige Erzählung: die eines Lebens, das lernt, durchquert, sich verwandelt. Jodorowsky und Costa ordnen sie in zwei Reihen zu zehn, gerahmt vom Narren und der Welt; Waite beschreibt sie einzeln als Etappen einer inneren Suche. In einer Legung signalisiert eine große Arkane ein grundlegendes Thema, während die 56 kleinen Arkana den Alltag beschreiben.
Was bedeutet die namenlose Arkane XIII im Tarot?
Die Arkane XIII zeigt ein Skelett, das auf einem dunklen Boden mäht, aus dem Köpfe und Hände auftauchen. Das Marseille-Deck hat ihr bewusst keinen Namen gegeben, während das Rider-Waite-Smith sie Der Tod nennt. Dieses Schweigen ist selbst eine Deutung: Was dort geschieht, hat kein Wort, es ist ein Übergang. Der Boden der Karte ist nicht leer, er keimt. Die Tradition liest darin ein notwendiges Ende, eine Häutung, eine zu klein gewordene Haut, die abgelegt werden muss, keinen realen Tod.
Was bedeutet es, wenn Der Turm in einer Legung erscheint?
Der Turm (XVI) öffnet sich mit einem Blitz: der Zusammenbruch dessen, was zu eng geworden war. Die Figuren, die daraus fallen, scheinen weniger zu stürzen als zu springen. In der Erzählung der großen Arkana kommt gleich danach Der Stern, der seine Krüge ausgießt, ohne etwas zurückzuhalten: die wiedergefundene Richtigkeit. Der Turm erschreckt weniger, wenn man sich erinnert, dass Der Stern unmittelbar danach wartet.
Wie liest man eine große Arkane in einer Tarot-Legung?
Eine große Arkane gibt, wenn sie fällt, das Klima und nicht das Detail: Sie sagt, in welchem Kapitel der Erzählung sich deine Situation befindet. Eine mit großen Arkana gesättigte Legung erzählt von einem bedeutsamen Moment, einer Wende; eine Legung, in der sie selten sind, spricht von gewöhnlichen Anpassungen. Der Platz der Karte in der Erzählung beleuchtet sie zusätzlich: Der Gehängte ist keine Strafe, wenn man sich erinnert, dass er der großen Häutung der Arkane XIII vorausgeht.

Quellen

  • Alejandro Jodorowsky & Marianne Costa, Der Weg des Tarot (München, Chalice Verlag, deutsche Ausgabe)
  • Arthur Edward Waite, The Pictorial Key to the Tarot (London, William Rider & Son, 1911)