Rituale · sanfte Hexerei

Litha der Gipfel des Lichts.

Litha ist der Sabbat der Sommersonnenwende, zwischen dem 20. und 22. Juni auf der Nordhalbkugel: der längste Tag des Jahres, und der exakte Gipfel der lichten Hälfte. Der Name stammt von den Sommermonaten, die der Mönch Beda Liða nannte, und wurde erst 1974 festgelegt; die Mittsommerfeier brennt hingegen seit Jahrhunderten in ganz Europa, bis hin zu unseren Johannisfeuern.

Das Wichtigste

Datum
Junisonnenwende, zwischen dem 20. und 22. Juni (Nordhalbkugel; Dezembersonnenwende auf der Südhalbkugel)
Platz im Rad
ein solares Fest, Gipfel der lichten Jahreshälfte
Herkunft des Namens
Liða, der Name der Sommermonate bei Beda (8. Jahrhundert); Sabbat-Name 1974 festgelegt
Ganz reales Folklore
die Johannisfeuer, in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni
Themen
Fülle, Dankbarkeit, Wendepunkt

Ein junger Name, ein uraltes Fest

Das Wort „Litha“ stammt von Beda, der im 8. Jahrhundert berichtet, dass die Angelsachsen die beiden Monate rund um die Sommersonnenwende Liða nannten. Wie Ostara und Mabon war es Aidan Kelly, der daraus 1974 einen Sabbat-Namen machte: Das moderne Jahresrad, in den 1950er-Jahren rund um Gerald Gardner und Ross Nichols zusammengesetzt, hatte dieses Fest ohne eigenen Namen gelassen.

Die Feier der Mittsommernacht selbst verdankt dem 20. Jahrhundert dagegen nichts. Die Johannisfeuer, entzündet in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni, sind seit Jahrhunderten in fast ganz Europa dokumentiert: Scheiterhaufen auf Hügeln, Sprünge über die Glut, brennende Räder, die man Hänge hinunterrollen ließ. Die Kirche legte die Geburt Johannes des Täufers direkt neben die Sonnenwende; das Feuer war schon da.

Was Litha feiert

Sonnenwende kommt vom lateinischen solstitium, „die Sonne steht still“: Für ein paar Tage bewegt sich der Punkt, an dem sie auf- und untergeht, kaum am Horizont. Es ist der längste Tag, die kürzeste Nacht, die Abende, die kein Ende zu nehmen scheinen, bevor sie blass werden. Litha feiert diese Fülle: Das Licht steht genau auf seinem Höhepunkt.

Doch der Sabbat trägt auch sein Paradox: Schon ab dem folgenden Tag werden die Tage kürzer. Die Tradition liest darin eine leise, fast melancholische Erinnerung: Was voll ist, beginnt zu sinken. Daher der besondere Ton von Litha, mehr aus Dankbarkeit als aus Eroberung gemacht; man kostet den Gipfel gerade deshalb aus, weil er nicht anhält.

Die Kräuter der Mittsommernacht

Das europäische Folklore sammelte seine Kräuter zur Johannisnacht: Johanniskraut (mit seinen sonnengelben Blüten), Eisenkraut, Schafgarbe, Margerite. Die Tradition verband deren volle Pracht mit diesem Moment und band Sträuße daraus, die über Türen gehängt oder unter Dächern versteckt wurden. Das ist Folklore, und wird als solches erzählt: Man sammelt kein Heilmittel, man sammelt ein Stück Jahreszeit.

Drei sanfte Gesten für Litha

Schau dir den Sonnenuntergang am Abend der Sonnenwende an und notiere die Uhrzeit: Er ist der späteste des Jahres, und ihn genau an seinem nördlichsten Punkt den Horizont berühren zu sehen, ist ein Schauspiel, das nur einmal im Jahr wiederkehrt. Verlängere es mit einer Mahlzeit im Freien, bis in die Nacht hinein; sie lässt auf sich warten, das ist genau der Punkt.

Sammle oder binde einen Mittsommerstrauß und lass ihn kopfüber trocknen: Er wird mit dir den Winter durchqueren. Mach in deinem Heft die Bestandsaufnahme des Gipfels: Was ist in deinem Leben gerade auf seinem Höhepunkt, und was möchtest du auskosten, bevor sich das Rad dreht?

Häufige Fragen

Sind Litha und die Johannisnacht dasselbe Fest?
Sie feiern denselben Moment des Jahres, auf zwei oder drei Tage genau. Litha richtet sich nach der astronomischen Sonnenwende, zwischen dem 20. und 22. Juni; die Johannisfeuer brennen in der Nacht vom 23. auf den 24., rund um das christliche Fest von Johannes dem Täufer. Gleiches Licht, zwei Kalender.
Fällt die Sommersonnenwende immer auf den 21. Juni?
Nein: Sie schwankt je nach Jahr zwischen dem 20. und 22. Juni und fällt in diesen Zeiten meist auf den 20. oder 21. Das genaue Datum eines gegebenen Jahres lässt sich in jedem beliebigen Bauernkalender oder astronomischen Kalender auf einen Blick nachprüfen.
Warum springt man an der Johannisnacht über das Feuer?
Das Folklore las darin Reinigung und Schutz für das kommende Jahr: das Feuer zu durchqueren, heißt eine Schwelle zu überschreiten. Es ist ein in weiten Teilen Europas dokumentierter Ritus, von den Pyrenäen bis Skandinavien. Heute bewahrt eine bei Dämmerung der Sonnenwende angezündete Kerze die Geste, ohne die Glut.

Quellen

  • Michael Norton, The Ritual Effect, 2024
  • Ronald Hutton, The Triumph of the Moon, 1999