Träume · das Lexikon

Von Wellen träumen wenn etwas aufsteigt und bricht.

Von Wellen zu träumen, und vor allem von einer Riesenwelle, die sich aufbäumt, ist eines der meistberichteten Wasserszenarien. Die Forschung hat daraus ein Lehrbeispiel gemacht: Dieses Bild kehrt nach umwälzenden Phasen so oft wieder, dass es als Maß für die zu verarbeitende emotionale Intensität dient. Die Traditionen haben darin die Kraft gelesen, die sich nicht befehlen lässt. Dieser Traum kündigt keine Katastrophe an: Er zeigt, was im Inneren bereits aufsteigt.

Das Wichtigste

Häufigkeit
sehr verbreitet
Traumfamilie
Überflutung und Bedrohung
Typisches Gefühl beim Aufwachen
kurzatmig, Erleichterung beim Auftauchen
Schlüsselwort
Überschwemmung

Was die Traumforschung dazu sagt

Die Riesenwelle nimmt in der Forschung eine Sonderstellung ein. Der Psychiater Ernest Hartmann, der Hunderte von Träumen untersucht hat, die nach umwälzenden Ereignissen gesammelt wurden, fand sie so häufig, dass er sie zum Musterbeispiel dessen machte, was er das zentrale Bild nannte: ein Bild, dessen Kraft die Kraft der gerade verarbeiteten Emotion misst. Je höher die geträumte Flutwelle, desto intensiver ist das, was sie im Wachleben nährt.

Man braucht keinen großen Schock, um von Brechern zu träumen. Jede Phase, in der etwas aufsteigt (eine Frist, ein schwelender Konflikt, ein auf Abstand gehaltener Kummer), kann nachts Wellen aufwerfen. Das Detail, das alles verändert, ist deine Beziehung zum Wasser: die Welle von Weitem sehen, von ihr erfasst werden, oder unter ihr hindurchtauchen. Erzählungen, in denen man unter dem Brecher hindurchtaucht oder ihn reiten lernt, tauchen gerne auf, wenn die Person die Situation im Wachleben wieder in den Griff bekommt.

Was die Traditionen darin gelesen haben

Die Welle, das ist das Meer in Bewegung: Die Traditionen sahen darin den Atem der Welt, die zyklische Rückkehr dessen, was man für vergangen hielt, und vor allem die Kraft, die sich nicht verhandeln lässt. Die Griechen machten sie zur Laune Poseidons; die Küstenvölker zogen daraus eine praktische Weisheit: Man kämpft nicht gegen eine Welle, man taucht unter ihr hindurch oder nimmt sie im richtigen Moment.

Manche Traumbücher machen aus der Riesenwelle die Ankündigung eines bevorstehenden Umbruchs, sogar einer Trauer. Diese Deutung verdient es, entkräftet zu werden: Keine Studie verbindet Überflutungsträume mit kommenden Ereignissen. Die geträumte Welle blickt zurück, auf das, was sich angesammelt hat; sie programmiert nichts. Die religiösen Traditionen, die von entfesselten Wassern erzählen, haben ihre eigenen Deutungssysteme, die zu ihren jeweiligen Kontexten gehören.

Die Frage, die dir dieser Traum stellt

Notiere zunächst die genaue Choreografie: Hat dich die Welle erreicht? Hast du ihr den Rücken zugekehrt, sie kommen sehen, bist du unter ihr hindurchgetaucht? In diesem Traum zählt das Verb, das du verkörperst, mehr als die Höhe des Wassers.

Nimm dann diese Fragen als Ausgangspunkt: Was steigt gerade auf, das du von Weitem kommen siehst, ohne zu wissen, wann es bricht? Was würde dich überfluten, wenn du einen ganzen Tag lang aufhörtest zu rennen? Und wenn du unter der Welle hindurchtauchen könntest, statt vor ihr zu fliehen, wie würde diese Geste in deinem realen Leben aussehen?

Häufige Fragen

Kündigt ein Tsunami-Traum eine Katastrophe an?
Nein. Die Riesenwelle ist eines der bestdokumentierten Bilder emotional aufgeladener Phasen: Sie folgt der Intensität dessen, was du erlebst, sie geht keinem Ereignis voraus. Wenn sie wiederkehrt, dann weil etwas noch nicht fertig verarbeitet wurde.
Warum träume ich in jeder Stressphase von Wellen?
Das Gehirn hat seine bevorzugten Bilder und verwendet sie wieder: Wenn die Welle einmal eine Überschwemmung gut übersetzt hat, wird sie erneut dienen. Ein Tagebuch zu führen erlaubt es, die Versionen zu vergleichen: die Höhe des Wassers, deine Position, den Ausgang. Ihre Entwicklung erzählt die der Situation.

Quellen

  • Antonio Zadra & Robert Stickgold, When Brains Dream, 2021
  • Klassische Traumdeutungstraditionen (symbolische Ebene)