Handlesekunst

Die Handlinien: Leben, Herz, Kopf und die anderen

Dieser Leitfaden ist Teil der Reihe Handlesen: deine Hand lesen, mit offener Handfläche (Teil 2 von 2).

Die Hand trägt drei große Linien: die Lebenslinie, die den Daumen umrundet und von Lebenskraft erzählt, die Kopflinie, die die Handfläche durchquert und deine Art zu denken erzählt, und die Herzlinie, die unter den Fingern verläuft und deine Art zu lieben zeichnet. Um sie herum feinere Linien: Schicksal, Sonne, Intuition. Die Tradition liest die passive Hand als das Erbe und die aktive Hand als das, was du daraus baust.

Von Jade Nohemia 8 Min. Lesezeit

Tu es jetzt, wirklich: Öffne deine Hand, Handfläche zu dir gewandt, unter gutem Licht. Dieser Leitfaden liest sich so, mit der offenen Handfläche neben dem Text, weil jede hier beschriebene Linie irgendwo in deiner Hand existiert, auf ihre eigene Weise, mit ihrer eigenen Kurve. Du wirst drei große Furchen finden, auf die sich alle Traditionen einig sind, und ein feineres Netz, das nur dir gehört. Niemand sonst trägt genau diese Karte, nicht einmal ein eineiiger Zwilling. So durchquerst du sie, Linie für Linie.

Was erzählt die Lebenslinie?

Suche sie zwischen Daumen und Zeigefinger: Dort entspringt sie. Von diesem hohen Punkt verläuft sie bogenförmig um die Daumenbasis, jenes fleischige Polster, das Chirologen den Venusberg nennen, und läuft zum Handgelenk hin wie ein Fluss, der einen Hügel umrundet.

Beginnen wir damit, das Missverständnis auszuräumen, das an ihr klebt: Ihre Länge zählt nicht deine Jahre. Das ist die Jahrmarktslesung, die einen Nervenkitzel pro Silberstück wollte. Die Tradition, die die Hände genau untersucht hat, vom alten Indien bis zu Cheiros Londoner Salon, liest darin die Lebenskraft: die Art, wie die Energie in dir zirkuliert, nicht die Dauer der Reise.

Betrachte zuerst die Weite des Bogens. Eine Linie, die sich weit vom Daumen entfernt und einen großzügigen Venusberg zeichnet, erzähle in der Tradition von einem weiten Schwung, einer Lebenslust, die Raum einnimmt: die langen Mahlzeiten, die genährten Freundschaften, der voll bewohnte Körper. Eine Linie, die den Hügel eng umschließt, erzähle von einer sparsameren Energie, die sich bewahrt, ihre Ausgaben wählt, und die Distanz gerade deshalb durchhält, weil sie sich nicht verzettelt.

Betrachte dann den Strich selbst. Tief und klar erzähle er von beständiger Lebenskraft, die jeden Morgen mehr oder weniger in derselben Stimmung aufwacht. Aus Kettenglieder gebildet oder von kleinen Inseln durchlöchert, erzähle er von Jahreszeiten: Passagen, in denen die Kräfte knapper werden, dann wiederkehren. Und unterbricht sich die Linie irgendwo, beobachte gut, bevor du dir Sorgen machst: Fast immer setzt ein zweites Segment parallel wieder an, leicht versetzt, wie ein Fluss, der sein Bett wechselt. Die Tradition liest darin einen Wechsel im Lebensrhythmus, ein Davor und ein Danach, keinen Abgrund. Manche tragen auch innerhalb des Bogens eine feine Schwesterlinie, die die Alten Marslinie nannten: einen zweiten Schutzwall, lasen sie, eine Kraftreserve, die die erste verdoppelt.

Die Herzlinie: die erste unter den Fingern

Steige nun ganz nach oben in der Handfläche. Die erste große Linie unter dem Fingeransatz, das ist sie. Sie entsteht am Handrand, auf der Seite des kleinen Fingers, und läuft zum Zeigefinger oder Mittelfinger hin. Die Tradition liest darin deine Art zu lieben: nicht wen, sondern wie.

Ihr Ankunftspunkt ist ihr erstes Geständnis. Eine Linie, die hoch aufsteigt, bis unter den Zeigefinger, auf das, was Chirologen den Jupiterberg nennen, erzähle von idealistischer Liebe: jener, die den anderen auf einen Hügel stellt, viel erwartet, viel gibt, und aus großer Höhe fällt, wenn der Hügel wieder zu einem Menschen wird. Eine Linie, die unter dem Mittelfinger endet, erzähle von einer direkteren, körperlicheren Bindung, die mehr in Gesten als in Erklärungen liebt. Zwischen den beiden Fingern liest die Tradition ein Herz im Gleichgewicht, zärtlich, ohne sich zu verlieren.

Auch ihre Beschaffenheit spricht. Tief und durchgehend erzähle sie von einem Herzen, das sich aus einem Guss verpflichtet, treu seinen Regungen. Fein verkettet erzähle sie von einer Sensibilität, die auf viele Winde reagiert, von allem berührt, von allem durchquert: Das ist keine Schwäche, das ist eine dünnere Haut. Und ihre Wölbung fügt eine Nuance hinzu, die viktorianische Leser sehr mochten: stark zu den Fingern hin gekrümmt, erzähle sie von einer Liebe, die sich zeigt, demonstrativ, sonnenhaft; gerader, von einer Liebe, die innerlich gelebt wird, zurückhaltend, eher bewiesen als verkündet.

Die Kopflinie: die Durchquerung der Mitte

Kehre zum Ausgangspunkt deiner Lebenslinie zurück, zwischen Daumen und Zeigefinger: Die Kopflinie entspringt am selben Ufer. Aber statt zum Handgelenk hinabzusteigen, durchquert sie die Handfläche in ihrer Mitte, zum gegenüberliegenden Rand hin. Es ist der Pfad deines Denkens, und die Tradition liest ihn auf zwei Weisen: seinen Ansatz und seine Bahn.

Zuerst der Ansatz. Beginnt deine Kopflinie eng an die Lebenslinie geschmiegt, mit ihr über einige Millimeter verwachsen, liest die Tradition darin Vorsicht: ein Denken, das seine Wurzeln befragt, bevor es aufbricht, das sich an der Schwelle ein letztes Mal umdreht. Beginnt sie deutlich getrennt, mit einem klaren Zwischenraum zwischen beiden, erzähle sie von früher Unabhängigkeit: einem Kopf, der schnell und allein entscheidet, manchmal schneller, als das Herz folgen kann.

Dann die Bahn. Eine gerade Linie, die ohne zu schwanken von einem Rand zum anderen läuft, erzähle von praktischem Geist: dem Denken, das aufs Ziel zugeht, organisiert, entscheidet. Eine Linie, die zum unteren Teil der Handfläche geneigt ist, hin zum Mondberg, jener Wölbung am dem Daumen gegenüberliegenden Rand, wo die Tradition die Fantasie ansiedelt, erzähle vom Denken in Bildern: jenem, das Umwege bevorzugt, überall Geschichten sieht, Probleme löst, während es woanders träumt. Und endet deine Linie in einer kleinen Gabelung, zwei Ästen, die sich wie ein Delta öffnen, freu dich: Die Alten nannten sie die Schriftstellergabel, und lasen darin ein Denken, das beide Register halten kann, den Traum und den Plan, das Bild und die Liste.

Ihre Länge schließlich misst nicht die Intelligenz, und die Tradition hat sich daran nie gewagt: eine kurze Linie erzähle von einem Denken, das entscheidet, eine lange Linie von einem Denken, das erkundet. Zwei Arten, richtig zu liegen.

Die feineren Linien: Schicksal, Sonne, Intuition

Um die drei großen herum trägt deine Handfläche ein diskreteres Netz, und es ist dieses, das sich im Lauf der Jahre am meisten verändert.

Die bekannteste ist die Schicksalslinie, die Chirologen auch Saturnlinie nennen: Sie steigt senkrecht von der Handflächenbasis zum Mittelfinger auf, gegen den Strom aller anderen. Die Tradition liest darin den Faden einer Richtung: einen Kurs, einen Beruf, eine Berufung, die den Rest ordnet. Merke dir aber Folgendes, denn es ist die am häufigsten gesuchte und am seltensten gefundene Linie: Viele Handflächen tragen keine, oder nur ein Fragment, und die Tradition hat darin nie einen Mangel gelesen. Ein Leben ohne Schicksalslinie erzählt sich in Kapiteln statt in einem Gesamtplan, und die Kapitel ergeben ebenso schöne Geschichten.

Die Sonnenlinie, oder Apollo-Linie, steigt zum Ringfinger auf, oft kurz, oft spät. Die Alten lasen darin Strahlkraft: den Sinn für das Schöne, die Freude am Erschaffen, eine Form von Glück, die vor allem sichtbarer Freude ähnelt. Cheiro suchte sie bei seinen Künstlern.

Die Intuitionslinie schließlich ist die seltenste: eine feine Mondsichel am Handrand, Seite des kleinen Fingers, zum Mondberg hin gekrümmt. Die Tradition las darin ein feineres Gehör als üblich: jene Gewissheiten, die vor ihren Gründen ankommen, das, was man in einem Raum spürt, bevor jemand gesprochen hat. Trägst du sie, weißt du wahrscheinlich schon, wovon die Rede ist.

Welche Hand liest man beim Handlesen?

Bleibt die schönste Frage, die man sich immer stellt: welche Hand lesen? Und die Antwort der Tradition lautet: beide, weil sie nicht dasselbe erzählen.

Die passive Hand, die nicht schreibt, liest sich als die geerbte: das, was dir am Anfang mitgegeben wurde, das Grundtemperament, die Anlagen, das Klima, aus dem du stammst. Die aktive Hand, die den Stift hält, Türen öffnet und andere Hände drückt, liest sich als die selbst gebaute: das, was du gerade daraus machst, die Falten, die deine Entscheidungen, dein Beruf, deine Beziehungen eingegraben oder geglättet haben. Bist du Linkshänder, kehrst du die Rollen um: Deine selbst gebaute Hand ist die linke.

Leg deine beiden Handflächen nebeneinander, und vergleiche. Eine Kopflinie, die auf einer Seite stärker geneigt ist, eine Herzlinie, die höher aufsteigt, eine Lebenslinie, die weiter umarmt: Diese Abweichungen sind die bewegendste Seite der gesamten Lesung, weil die Tradition darin den zurückgelegten Weg zwischen dem, was dir anvertraut wurde, und dem liest, was du daraus machst. Cheiro begann nie eine Lesung, ohne beide Hände betrachtet zu haben, und er hatte recht: Eine Hand allein ist ein Porträt, zwei Hände sind eine Geschichte.

Halte deine Handfläche offen

Jetzt hast du die Karte: den Fluss, den Kamm, die Durchquerung, und das feine Netz, das nur dir gehört. Das Beste, was du daraus machen kannst, ist einfach: Komm zurück. Betrachte deine Handfläche heute Abend, dann in einem Jahr. Die Nebenlinien werden sich vielleicht verändert haben, und du mit ihnen: Genau darin liegt der ganze Geist dieser Kunst, ein Porträt in Arbeit statt eines Urteils. Um diese Linien in ihrer langen Geschichte zu verorten, vom alten Indien bis zu den viktorianischen Salons, und deine erste geführte Lesung in fünf sanften Fragen zu machen, erwartet dich der Leitfaden zum Handlesen lernen, Handfläche offen.

Häufige Fragen

Was erzählt die Lebenslinie in der Handfläche?
Die Lebenslinie entspringt zwischen Daumen und Zeigefinger und verläuft bogenförmig um die Daumenbasis, den Venusberg, zum Handgelenk hin. Ihre Länge zählt nicht die Jahre, das ist die Jahrmarktslesung. Die Tradition liest darin die Lebenskraft: Die Weite des Bogens erzählt von der Großzügigkeit des Schwungs, die Tiefe der Furche von der Beständigkeit der Energie, Ketten oder Inseln von Jahreszeiten, in denen die Kräfte knapper werden und wiederkehren.
Was bedeutet die Herzlinie in der Handfläche?
Die Herzlinie ist die erste große Linie unter dem Fingeransatz, sie entsteht am Handrand auf der Seite des kleinen Fingers und läuft zum Zeigefinger oder Mittelfinger hin. Die Tradition liest darin die Art zu lieben, nicht wen. Eine Linie, die hoch bis unter den Zeigefinger aufsteigt, erzählt von idealistischer Liebe; eine Linie, die unter dem Mittelfinger endet, von einer direkteren, körperlicheren Bindung. Endet sie zwischen beiden Fingern, liest die Tradition ein Herz im Gleichgewicht.
Was zeigt die Kopflinie über das Denken?
Die Kopflinie entspringt am selben Ufer wie die Lebenslinie, zwischen Daumen und Zeigefinger, durchquert aber die Handfläche in ihrer Mitte zum gegenüberliegenden Rand. Eine gerade Linie erzählt von praktischem Geist, der aufs Ziel zugeht; eine zum Mondberg geneigte Linie erzählt vom Denken in Bildern, das Umwege bevorzugt. Beginnt sie eng an die Lebenslinie geschmiegt, liest die Tradition Vorsicht; beginnt sie deutlich getrennt, frühe Unabhängigkeit.
Welche Hand liest man beim Handlesen, links oder rechts?
Beide, weil sie nicht dasselbe erzählen. Die passive Hand, die nicht schreibt, liest sich als die geerbte: das Grundtemperament, die Anlagen, das Klima, aus dem man stammt. Die aktive Hand, die den Stift hält, liest sich als die selbst gebaute: das, was die eigenen Entscheidungen daraus geformt haben. Cheiro begann nie eine Lesung, ohne beide Hände betrachtet zu haben, denn eine Hand allein ist ein Porträt, zwei Hände sind eine Geschichte.

Quellen

  • Cheiro (William John Warner), The Language of the Hand (1894)